20. Dezember 2006 in Journal » Web 2.0
Tagging-Systeme: Probleme und Lösungsansätze
1. Mangel an Erklärung führt zu Ignorierung
Wenige Hilfen und Stützen zum Thema Tagging sind eine Krankheit der heutigen Social Services. Nur wenige Dienste bieten ausreichenden Support für Tags an.
Was verursacht Mangel an Erklärung?
Oft ist es so, dass die Dienste ausschließlich von Entwicklern konzeptiert und entwickelt werden. Während der Entwicklung schaut Ihnen keiner über die Schulter und sagt etwas wie z.B. "Versteht das auch jeder?".
Wenn man sich an den Leitsatz "Was Bedarf an Erklärung hat, sollte nicht umgesetzt werden" hält, würde das tagging in vielen Social Services gar nicht zum Einsatz kommen. Dienste, wie del.icio.us zeigen, dass sie größtenteils von web-affinen Benutzern verwendet werden.
Was kann im schlimmsten Fall passieren?
Es werden keine Tags verwendet. Somit wäre einzig die chronologische Archivierung noch überschaubar. Denn weitere Ansatzpunkte ausser dem Zeitpunkt der Speicherung eines Objektes ist ohne Zutun des Benutzers möglich. Wenn nun noch eine chronologische Übersicht fehlt, würde eine 1 Level Übersicht neue Benutzer von diesem Dienst abschrecken.
Welche Lösungsansätze gibt es?
Schon während der Entwicklung der Software und ihrer Features sollten internet-unerfahrende Menschen ständig die Software auf Benutzerbarkeit, also Usability und Accessibility testen. Falls etwas nicht verstanden wird, sollten Tooltipps oder direkte und gezielte Links zu einer umfangreichen Hilfe eingesetzt werden. Eine kleine Stützsatz unter einem Eingabefeld kann auch schon wunder bewirken.
2. Ahnungslosigkeit führt zu falscher Anwendung
Oft beobachte ich, dass benutzer anscheinend das Tagging nutzen aber nicht so recht wissen, was es ist. So werden oft Objekte so getaggt, dass man den Eindruck bekommt, die würden gleichzeitig als Meta-Keywords verwendet. So habe ich schon gesehen, dass ein Artikel über Suchmaschinenoptimierung mit den Tags "seo", "suchmaschinenoptimierung" und "search_enigine_optmimization" versehen wurde. Die Tags sagen also alle dasselbe aus, sind also völlig redundant.
Was verursacht Ahnungslosigkeit?
Mangel an Erklärungen und Hilfen. Siehe Ursachen Punkt 1
Was kann im schlimmsten Fall passieren?
Der GAU wären viele verschiedene Tags, die den selben Objekte Objekten zugeordnet sind. Was bringt es, wenn die Tagwolke "seo" und "suchmaschinenoptmierung" anzeigt und unter beiden Tags dasselbe zusehen ist?
Welche Lösungsansätze gibt es?
Die Software muss ausreichend mit Hilfen und Nennungen von Vorteilen versehen werden. Siehe Lösungsansätze von Punkt 1
3. Ungeübtheit der Benutzer führt zur Übertreibung
Man kann oft sehen, dass einige Objekte bei Social Servoces mehr als 15 Tags zugewiesen wurden. Das macht das Tag-System zu groß und unübersichtlich.
Was verursacht Ungeübtheit der Benutzer?
Die einzige Ursache dafür ist, dass das Tagging noch relativ neu ist und noch nicht überall "angekommen" ist.
Was kann im schlimmsten Fall passieren?
Die Tag-Übersicht wird so mächtig und umfangreich, dass sie keiner mehr nutzt. 90% aller Tags werden nur ein einziges mal genutzt und sind somit völlig redundant. Selbst der Ersteller des Tags kann nach einiger zeit nichts mehr damit anfangen.
Welche Lösungsansätze gibt es?
Eine Limitierung der Tags pro Objekt könnte dieses Problem lösen. Es bietet sich beispielsweise an, mind. zwei Tags und max. 10 Tags pro Objekt zu Erlauben.
4. Sinnspaltung führt zu vielen sich gleichenden Tags
Nimmt man an, dass ein Artikel von Amazon bei del.icio.us von 2 Benutzern gepsiechert wird. Der Artikel ist ein Buch über Frösche. Benutzer X versieht den Artikel beim Bookmarken mit den Tags "Fachliteratur" und "Frosch". Benutzer Y nutzt die Tags "Buch" und "Frösche".
Was verursacht Sinnspaltung?
Es fehlt ein System, das passende Tags vorschlägt. Das Tag-System muss also noch vor dem Speichern des Bookmarks von Benutzer Y die Tags von Benutzer X vorschlagen. Wenn diese benutzer Y sieht und diese in seinen Augen passen, wird er sie verwenden.
Was kann im schlimmsten Fall passieren?
Es stauen sich zuviele Tags auf, die genau den selben Sinn ausdrücken wollen. Folgende Benutzer können sich nicht mehr entscheiden ob sie "Buch" oder "Bücher" bzw. "Literatur" bei einer Recherche nachschlagen wollen.
Welche Lösungsansätze gibt es?
Ein ausgereiftes Tag-Vorschlag-System. Sobald ein Objekt mit Tags versehen wurde, sollte es anderen benutzer bei ihren Tag-Zuweisungen als Vorschlag unterbreitet werden. Beim Eintippen des Tags sollte geprüft werden, ob schon vorhandene Tags des Benutzers existieren. Wenn ja, dann sollte man den Tag automatisch vervollständigen oder sichtbar vorschlagen.
5. Schlechte Umsetzung führt zu einem DB-Tabellen-Chaos
Ein Tag-System ist datenbank-technisch gesehen eine n zu n Konstrukt. Ein Objekt kann mehrere Tags besitzen und ein Tag kann mehreren Objekten zugewiesen sein.
Was verursacht schlechte Umsetzung?
Falls bei der Umsetzung die Verknüpfungen nicht richtig berücksichtigt werden, tritt folgendes Problem auf: Bei einer Aenderung eines Objektes werden Tags entweder neu angelegt obwohl sie schon existieren. Somit würden mehrere identische Tags nicht mehr auf die gleichen Objekte zeigen.
Was kann im schlimmsten Fall passieren?
Bei schlechter Umsetzung eines Tag-Systems werden die Verkünfungs- und die Tag-Tabelle der Datenbank übermäßig gross und machen das System langsam und "schmutzig". Es können fehler auftreten.
Welche Lösungsansätze gibt es?
Eine klare Konzeption und eine saubere Umsetzung von Anfang an sollten dieses Problem gar nicht erst auftauchen lassen.
Diskussion geschlossen
Die Kommentarfunktion dieses Artikels wurde deaktiviert. Private Mitteilungen an Martin bitte per E-Mail an martin@labuschin.com. Danke.
11 Kommentare
Rainer am 20. Dezember 2006 #
sozial ausgelegten Web-Anwendungen - was um soll denn das sein?
Die Kombination der beiden Worte finde ich einfach nur schrecklich *Schüttel*
Martin Labuschin am 21. Dezember 2006 #
Hm ... Vielleicht ein bisschen komisch ausgedrückt. Fällt dir was besseres ein? Eventl. "ausgelegte" weglassen?
Jeriko One am 21. Dezember 2006 #
Vielleicht irgendwas in der Art "Web-Anwendungen mit Fokus Soziale Netzwerke". Sozial so alleine klingt in der Tat schon etwas komisch.
Zu 2: Sicher ist Rendundanz nicht unbedint gewünscht, andererseits erhöht das doch die Chance, dass der Link über eine tag-basierte Suche gefunden wird. Sicher, man sollte es nicht übertreiben, aber ein bisschen Redundanz finde ich nicht verkehrt.
Aber was weiss ich schon, ich gehöre ja zu Punkt 3 :-)
Martin Labuschin am 21. Dezember 2006 #
*g* Scheint so :)
Klar, wenn eine Suche existiert, die auf Tags basiert, ist Redundanz schon einigermaßen wichtig. Wenn die Suche jedoch durch Tag-Bundles oder ähnliche Schreibweisen verwandte Tags/Objekte automatisch erkennt, erübrigt sich das auch wieder.
Jeriko One am 21. Dezember 2006 #
Diese Bundles müssen der Suchmaschine aber auch erstmal bekannt gemacht werden, schließlich kann man im Vorfeld ja nie sagen, bei was für Themenbereichen die Tags genutzt werden, sprich man kann sie auch nicht vorher einpflegen.
Hm wenns solche Bundles gibt braucht man natürlich die Redundanz bei den Beiträgen (oder was auch immer) nicht mehr, werden dann ja trotzdem gefunden. Interessant interessant... :-)
Martin Labuschin am 21. Dezember 2006 #
Bei der Suche sollte direkt überprüft werden ob der Suchbegriff oder Teile davon als Tags in irgendwelchen Bundles vorkommen. Wenn ja, sollte die Objekte die mit den Tags dieses Bundles verbunden sind auf Vorkommen des Suchbegriffs geprüft werden. Der Algorythmus wird sehr komplex, wenn man mal weiterdenk, was?
mh166 am 21. Dezember 2006 #
Also die Idee mit den Tagbundles scheint mir sehr interessant. Ich denke aber, dass sich das doch einigermaßen einfach machen lassen sollte. Schließlich gibt es ja schon einige Algorithmen, die eine Fuzzy-Logic für die Suche implementieren.
Der schwierigste Teil wird dabei die Optimierung für die großen Mengen an Daten sein. Schließlich muss ja die komplette Datenbank nach allen bzw. den wahrscheinlichsten Möglichkeiten durchsucht werden. Ist vermutlich ziemlich ressourcenlastig.
Ehrlich gesagt würdes mich jetzt direkt mal interessieren, wie so ein "optimales" Tagging-System aussehen könnte. Wäre doch bestimmt lohnenswert sowas mal als Prototypen zu entwickeln, oder?
Ich bin gespannt auf eure Ideen. :)
mfg, mh166
Martin Labuschin am 21. Dezember 2006 #
Naja, für einen Prototypen braucht man aber auch Objekte. Tags sind ja nur Meta-Daten von Objekten. Sie müssen irgendetwas zugeordnet sein. So ist die Umsetzung eines solchen Prototypen meines Erachtens etwas schwierig.
In der LinkARENA arbeiten wir im Hintergrund an einer Tag-Verwaltung, die ihres gleichen sucht. Jetzt heisst es nur abwarten.
Jeriko One am 22. Dezember 2006 #
Ich stelle mich als Versuchskaninchen zur Verfügung. Bisher hab ich noch jedes neue System irgendwie platt gekriegt :-)
Martin Labuschin am 22. Dezember 2006 #
Ja im Moment macht uns die aktuelle Tag-Verwaltung der LinkARENA zu schhaffen. Ich würde mich freuen, wenn du die neue Verwaltung der Tags nach der Fertigstellung mal testen würdest. Ich gebe dir dann einfach mal bescheid, OK?
Michael Lauermann am 27. Januar 2007 #
Mich plagen auch meinen eigenen Tagging-Strategien und ich verfolge das Thema am Rande.
Die Idee mit einem Prototypn hat mich hier spontan begeistert und ich den 'Objekte' gibts mehr als genug.. man könnte doch einfach das aktuelle Treiben in diversen Social Websites verarbeiten. Zuerst dachte ich dabei einfach an del.icio.us.. das hat doch ne API.. naja nur erste Gedanken.. Wäre jemand interessiert das erstmal ein Konzept zu beginnen? Ich wäre dabei!