28. März 2006 in Journal » Usability/Accessibility

14 Gründe für Barrierefreiheit

Basierend auf der Verordnung für barrierefreie Informationstechnik nenne ich 14 gute Gründe für ein barrierefreies Web und die Beachtung der BITV. Ich notiere sie hier aufgrund vieler Anfragen nach Gründen bestimmter Anforderungen.

Anforderung 1

Für jeden Audio– oder visuellen Inhalt sind geeignete äquivalente Inhalte bereitzustellen, die den gleichen Zweck oder die gleiche Funktion wie der originäre Inhalt erfüllen.

Grund:

Nicht jeder Mensch bzw. Maschine ist in der Lage audio- oder visuelle Informationen aufzunehmen. Die Informationen des Dokuments wären in diesem Fall nicht für jede Benutzergruppe gleich.

Anforderung 2

Texte und Graphiken müssen auch dann verständlich sein, wenn sie ohne Farbe betrachtet werden.

Grund:

Bei Schwarz-Weiß-Ausdrucken oder farbenblinden Menschen ist das Motiv des Bildes nicht mehr erkennbar, wenn die Kontraste nicht ausreichen, die visuellen Informationen wiederzugeben.

Anforderung 3

Markup–Sprachen (insbesondere HTML) und Style Sheets sind entsprechend ihrer Spezifikationen und formalen Definitionen zu verwenden.

Grund:

Nicht-validierende Dokumente können die Verarbeitbarkeit nicht garantieren und machen die Informationsaufnahme über nicht ganz so fehler-toleriende Benutzeragenten unmöglich.

Anforderung 4

Sprachliche Besonderheiten wie Wechsel der Sprache oder Abkürzungen sind erkennbar zu machen.

Grund:

Screenreader lesen den Text in der vom Benutzer eingestellten Standard-Sprache vor. Falls die Sprache des Dokuments dieser Standard-Sprache nicht gleicht, verwendet der Screenreader die im Dokument vorgegebene Sprache. Sollte innerhalb des Dokuments Begriffe oder Phrasen anderer Sprachen vorkommen, ist eine besondere Kennzeichnung nötig um die korrekte Ausprache des Begriffs zu gewährleisten.

Anforderung 5

Tabellen sind mittels der vorgesehenen Elemente der verwendeten Markup–Sprache zu beschreiben und in der Regel nur zur Darstellung tabellarischer Daten zu verwenden.

Grund:

Probleme bei Ausdrucken langer und reichhaltiger Tabellen können durch die korrekte Verwendung der zu Verfügung stehenden Elemente vermieden werden. Auch die Informationsaufnahme durch andere alternative Ausgabegeräte wie Screenreader, Handy oder PDA sind so weitestgehend gewährleistet.

Anforderung 6

Internetangebote müssen auch dann nutzbar sein, wenn der verwendete Benutzeragent neuere Technologien nicht unterstützt oder diese deaktiviert sind.

Grund:

Alte Browser mit geringer CSS-Unterstützung sind entweder keine oder alternative Stylesheets zuzuweisen, da sonst grobe Darstellungsfehler das Dokument unbenutzbar machen. Javascript sollte nicht für Informationstransporte genutzt werden, solange nicht Alternativen bereitgestellt werden, da sonst kein vollständiger Zugang der Informationen für jedes Ausgabegerät sichergestellt ist.

Anforderung 7

Zeitgesteuerte Aenderungen des Inhalts müssen durch die Nutzerin/ den Nutzer kontrollierbar sein.

Grund:

Besonders Screenreader benötigen mehr Zeit für das Vorlesen der Inhalte als ein durchschnittlicher Leser. Aber auch lesefähige Menschen haben unterschieliche Lese-Geschwindigkeiten. Auf zeitgesteuerte Aenderungen des Inhalts durch den Publisher sollte daher verzichtet werden.

Anforderung 8

Die direkte Zugänglichkeit der in Internetangeboten eingebetteten Benutzerschnittstellen ist sicherzustellen.

Grund:

PDF-Dokumente oder Java-Anwendungen sind genauso barrierefrei zu gestalten, wie auch der Rest des Angebots, da sonst keine durchgängige Zugänglichkeit vorhanden ist.

Anforderung 9

Internetangebote sind so zu gestalten, dass Funktionen unabhängig vom Eingabegerät oder Ausgabegerät nutzbar sind.

Grund:

Ein Website sollte nicht nur per Maus steuerbar sein, sondern auch mit Tastatur oder anderweitigen HID, da sonst eine klare Benachteiligung der Nutzer bestimmter Ausgabegeräte besteht und somit die Benutzer ausschließt.

Anforderung 10

Die Verwendbarkeit von nicht mehr dem jeweils aktuellen Stand der Technik entsprechenden assistiven Technologien und Browsern ist sicherzustellen, so weit der hiermit verbundene Aufwand nicht unverhältnismäßig ist.

Grund:

Nicht jedes Ausgabegerät kann HTML vollständig interpretieren, weil es vielleicht nicht alle Auszeichnungen der verwendeten Spezifikation kennt. Unbekannte/seltene Auszeichnungen sind dann so einzusetzen, dass man - auch ohne Kenntnisse des Benutzeragenten über die Auzeichnung - den Inhalt verstehen kann.

Anforderung 11

Die zur Erstellung des Internetangebots verwendeten Technologien sollen öffentlich zugänglich und vollständig dokumentiert sein, wie z.B. die vom World Wide Web Consortium entwickelten Technologien.

Grund:

HTML, XHTML und CSS sind Webstandards die vom W3C vollständig dokumentiert sind. So ist es auch den Herstellern der Ausgabegeräte möglich, sich an die verwendeten Standards zu richten bzw. anzupassen. Sonst würden beispielsweise Webdesigner und Browserhersteller aneinander vorbei-arbeiten

Anforderung 12

Der Nutzerin/dem Nutzer sind Informationen zum Kontext und zur Orientierung bereitzustellen

Grund:

Benuter ohne Erfahrung mit einem InternetAngebot/einer Website muss sich möglichst schnell orientieren können. Kleine Texte im vorderen Bereich des Dokuments erleichtert dies imens. Überschriften werden von Screenreadern auf Wunsch des Benutzers allein vorgelesen. Diese müssen also den Inhalt grob wiedergeben und eine logische Struktur innerhalb des Dokuments bilden.

Anforderung 13

Navigationsmechanismen sind übersichtlich und schlüssig zu gestalten.

Grund:

Hyperlinks/Anker, wie "weiterlesen" oder "mehr dazu" müssen zumindest so beschriftet werden (title-Attribut), dass diese eindeutig sind und das Ziel klarmachen. Das mehrfache Verwenden des selben Linktextes ist sonst sehr undurchsichtig und zwingt den Benutzer dazu, vorher herauszufinden, wohin dieser Hyperlink/Anker führt.

Anforderung 14

Das allgemeine Verständnis der angebotenen Inhalte ist durch angemessene Maßnahmen zu fördern.

Grund:

Mitunter helfen eine konstante Navigation, visuelle Unterstützungen, sowie eine angemessene Sprache beim Verständnis und bei der Orientierung des Internetangebots/der Website.


5 Kommentare

Jakob am 29. März 2006 #

Sehr schöne und überschaubare Auflistung der essentiellen Faktoren.

Dankeschön!

Tomas Caspers am 29. März 2006 #

Angenehm kurze Zusammenfassung. Einen kleinen Fehler hast du allerdings bei №7: bei der Anforderung geht es nicht um die Lesegeschwindigkeit eines Screenreaders, sondern um die Lesegeschwindigkeit eines sehenden Nutzers, z.B. bei animiertem Text o.ä.
Erfahrene Screenreader-Nutzer haben ihre Vorlese-Geschwindigkeit oft so dermaßen schnell eingestellt, dass ein untrainierter Zuhörer kaum ein Wort mehr versteht.

Martin Labuschin am 29. März 2006 #

Tomas, Gründe für Anforderung 7 gibt es sicher viele. Du hast uns einen weiteren genannt. Ich habe ihn hinzugefügt. Danke.

Jana am 30. März 2006 #

Wirklich eine sehr gute Auflistung - Überschaubar und auf den Punkt gebracht - ohne viel BlaBla. Es gibt so viele Beiträge zum Thema, aber nur wenige schaffen es mal wirklich bei der Sache zu bleiben. Danke!

Tom S. Weber am 30. März 2006 #

Wow! Nice Work!
Besonders Punkt 11) finde ich wichtig.

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